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Эл. №ФС77-60625 от 20.01.2015
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Материал для НПК . Тема: " Приметы и суеверия в Германии."

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DER ABERGLAUBE

Inhalt

1. Vorwort

2. Der Aberglaube im Alltag

3. Der Volksaberglaube

4. Die schwarze Katze.

5.Neujahrsaberglaube




 

 1. Vorwort


Obgleich wir Menschen unser Dasein mit den Maßen der Vernunft messen, geistert Aberglaube durch unser Leben. Es gab Situationen, in denen er Weltgeschichte machte. Er ist alt wie die Kulturmenschheit und groß wie die Angst unseres Herzens. Viele von uns lachen über den Aberglauben und spielen zugleich wie Kinder damit. Sie meinen vor ihm sicher zu sein, und doch sind die meisten Menschen im letzten Winkel ihrer Seele abergläubisch. Sie reden abfällig über ein Zeitungshoroskop und lesen es trotzdem. Sie klopfen dreimal gegen Holz, um das Schicksal zu berufen, hängen ein Maskottchen ins Auto, um Unfälle abzuwenden, stellen sogenannte Erdentstrahler unters Bett, um besser schlafen zu können, und bevorzugen oft den Wunderdoktor vor dem ordentlichen Arzt. Sie fürchten sich vor der schwarzen Katze, vor der Zahl 13, drücken jemandem die Daumen, wünschen ihm Hals  und Beinbruch. Das vierblättrige Kleeblatt, der Schornsteinfeger und das Hufeisen sind ihnen Zeichen des Glücks. Und dabei sind das noch die harmlosesten Formen modernen Aberglaubens. Man könnte fast von konventionellen Gewohnheiten reden, käme es auf bestimmte äußerliche Verrichtungen und nicht auf die dahinterstehende seelisch geistige Haltung an.

Es genügt nicht, daß der moderne Mensch im allgemeinen zwischen Glauben und Aberglauben unterscheidet. Man wird immer wieder feststellen können, daß der Glaube des einen dem anderen als Aberglaube erscheint und umgekehrt Aberglaube für Glaube gehalten wird. Die Grenzen verschieben sich. Wo ist der gültige Maßstab zu finden? Man sollte meinen, daß er im letzten Stand wissenschaftlicher Erkenntnis liegt.

Das mag für den vernünftig Denkenden stimmen. Aber nur ein kleiner Teil der Menschen weiß trotz aller Publikationsmittel über die Wahrheit der Wissenschaft als ständiger Selbstkorrektur des Lebens Bescheid. Und auch diese richten sich in ihrem persönlichen Leben nur selten nach der Theorie   wie wenig erst die anderen. Der Mensch ist eben kein reines Vernunftwesen.

Er hat unbewußt alles in sich zu verarbeiten, was die Überlieferung auf ihn gehäuft hat. Dazu gehört auch das Erbe der Seele. Aus der Psychologie wissen wir, daß die seelische Entwicklung beim einzelnen nie mit den Erkenntnissen der Vernunft Schritt hält. Das Unbekannte, Untergründige und Naturhafte der Primitivperson hält uns mit starken Stricken am Menschlich Allzumenschlichen, das sich durch die Jahrtausende stets wiederholt, mag es in noch so verschiedene Gewänder gekleidet sein. Andernfalls hätten wir kaum noch Konflikte. So aber liegt der Mensch beständig mit sich selbst im Kampf. Und je nach seiner inneren Überwindungskraft bewältigt er die Probleme.

Daraus ergeben sich die unzähligen Meinungen, die nie auf einen Nenner gebracht werden können. Darum leben unter uns längst vom Wissen überholte Standpunkte neben modernen, oft in ein und derselben Persönlichkeit verkörpert. Man könnte sagen: Vernunft schützt nicht vor Aberglauben. Sie hindert den einzelnen nicht, an das eine oder das andere zu glauben. Leider aber wirkt der Aberglaube ansteckend. Seine kritiklosen Vertreter führen die Menschen irre, machen ihr tägliches Leben von Hirngespinsten abhängig, schädigen Besitz und Gesundheit und untergraben selbst das Ansehen der Wissenschaft.

Manch einer wird solche Worte denn doch für zu hart halten. So ein bißchen Spielerei mit dem Wochenhoroskop sollte jemandem schaden? Für sich selbst hat er sogar vielleicht recht. Aber das ist nur ein harmloser Anfang. Der Weg führt uns im folgenden von den kleinen Gesellschaftsspielen bis zu den Abgründen des Wahns, die immer wieder unschuldige Menschenleben forderten.

2. Der Aberglaube im Alltag

Im allgemeinen ist es uns gar nicht bewußt, wie sehr das Alltagsleben mit alten abergläubischen Bräuchen durchsetzt ist. Wir geben ihnen trotz Vernunft und Logik fast unbewußt nach, oft ohne den ursprünglichen Sinn noch zu kennen.

Wer eine Entscheidung nicht selbst treffen möchte, bedient sich einer Münze als Orakel. Kopf oder Adler heißt es dann. Vorher wird ausgemacht, was man als Kopf und was als Adler gelten lassen will. Das Geldstück wird in die Luft geworfen, die Seite, auf die es fällt, entscheidet.

Man kann eine Entscheidung auch durch das Ziehen eines Loses herbeiführen. Schon die Gladiatoren im alten Rom bestimmten die Art ihres Kampfes durch das Los. Heute werden meistens verschieden lange Streichhölzer als Lose verwendet. Wer das längere Streichholz zieht, hat den Vortritt oder hat gewonnen.

Wenn wir jemandem Hals  und Beinbruch zum Gelingen wünschen, wollen wir die neidischen Dämonen überlisten. Wer sie herbeiruft, gewinnt ihre Sympathie. Da Dämonen dumm sind, merken sie nicht, daß sie angeführt werden.
Wer mit dem linken Fuß aufsteht, setzt sich den ganzen Tag über dem Verdruß aus. Bei den frühen Völkern wurde schon immer links mit falsch und ungünstig gleichgesetzt.

Jemandem die Daumen halten bedeutet ihm Erfolg wünschen. Der Daumen als Glücksfinger beschützt die übrigen vier Finger, wenn man ihn darüber einschlägt, wie man es bei diesem Ausspruch zu tun pflegt. Den vier Fingern kann also nichts Böses geschehen.

Nach einer lobenden Äußerung muß man dreimal auf Holz klopfen, damit Unglück abgewendet wird. Denn wenn die neidischen Dämonen auf das Glück des Menschen aufmerksam werden, versuchen sie es zu verhindern. Böse Geister scheuen den Lärm, daher verscheucht sie das Klopfen. Auf diesen Dämonenaberglauben gehen auch die Böller in der Silvesternacht, der Polterabend vor den Hochzeiten und der Kanonendonner zurück, der etwa bei der Geburt eines Königssohnes üblich ist und auch bei Staatsempfängen eine Rolle spielt.

Das Stolpern hat einen bösen Beigeschmack. Wer stolpert, soll umkehren, besagt eine alte Redensart. Gemeint war das Stolpern über die Hausschwelle, unter der die Ahnen hausen. Dadurch kann der »Hausgeist« verärgert werden und sich rächen, indem er Mißerfolge herbeiführt.

Wer den bösen Blick besitzt, bringt jedem Unheil, den er ansieht. Dieser Aberglaube ist vor allem im Orient, aber auch in Italien und Frankreich weit verbreitet.

Eine Braut darf sich auf dem Weg zur Trauung nicht umblicken, da die bösen Geister hinter ihr hergehen. Ihnen ins Gesicht zu sehen, bringt Unglück.

Ein vierblättriges Kleeblatt erinnert an ein Kreuz und gilt daher als Zeichen des Glücks.
Auch der Schornsteinfeger bringt Glück, ein Aberglaube, der mit der glückbringenden Bedeutung des Herdes zusammenhängt.

Wer einem Hasen eine Pfote abschneidet und sie in sein Haus hängt, der ist vor Unglück und Unfruchtbarkeit sicher. Denn der Hase als heiliges Tier der Venus wehrt vor allem Unfruchtbarkeit ab.

Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen, heißt es im Volksmund. Dabei ist der Ausspruch nicht auf die Spinne bezogen, sondern auf das Spinnen. Wer schon am Morgen am Spinnrad sitzen muß, dem geht es nicht gut. Später wurde dieser Spruch auf Spinnen im Sinne von Spintisieren bezogen. Wer schon am Morgen grübelt, darf keinen guten Tag erwarten. Spinnen am Abend dagegen, zumal im geselligen Kreise, verspricht Freude und Entspannung.

Maikäfer bringen Glück, erzählen noch heute die Eltern ihren Kindern. Marienkäfer tragen auf ihrem Rücken sieben Punkte, die sich zur heiligen und glückbringenden Zahl Sieben vereinigen. Sie sind daher Vorboten des Gelingens.

Wenn ein Käuzchen schreit, ist's zum Sterben nicht mehr weit, besagt ein alter Volksspruch. Er entstand zu einer Zeit, als die Menschen mit den Hühnern zu Bett gingen und nur diejenigen wachten, die etwa einen Kranken zu pflegen hatten oder selbst krank waren. Daß Käuzchen vom Licht angezogen werden, wußte man damals noch nicht.

Salz verschütten bringt Unglück. Da in alten Zeiten das Salz wegen seiner Seltenheit als etwas Besonderes galt, mußte damit sparsam umgegangen werden. Im Orient wird es noch heute als heilig angesehen.

Eine Schere darf man nicht verschenken, denn sie zerschneidet die Freundschaft. Sie ist ein Werkzeug der Hexen.

Glück im Spiel, Unglück in der Liebe, prophezeit ein oft zitierter Ausspruch. Er wird verständlich, wenn man bedenkt, dag derjenige, der sich dem Spiel hingibt, wohl nur wenig Zeit für die Liebe haben dürfte.

Wer einen Spiegel zerschlägt, hat sieben Jahre Pech. Denn er hat seine »zweite Erscheinungsform« vernichtet. Die Glückszahl Sieben hebt sein Pech wieder auf. Befindet sich ein Toter im Hause, müssen Spiegel verhängt werden, da der Tod, der durch das Spiegelbild doppelt anwesend ist, sonst noch ein zweites Opfer fordern könnte.

Scherben bringen Glück, denn das Klirren vertreibt die Dämonen und Kobolde.

Glück bringen auch Hufeisen. Sie werden mit Vorliebe vor dem Eingang eines Hauses und selbst auf der Kühlerhaube eines Autos angebracht. Die Glücksindustrie unserer Tage liefert solche Hufeisen in jeder gewünschten Größe. Ihre Bedeutung ist alt. Sie geht auf die Zeiten zurück, als den Germanen das Pferd noch heilig war. Außerdem symbolisiert Eisen Kraft und die Form des Hufeisens das Mondhorn.

Maskottchen in unseren Autos ersetzen die einstigen Teufelsfratzen, die den Dämonen Angst machen sollten.

Wenn Bilder von der Wand fallen, die Personen darstellen, ist es gefährlich, in dem Hause zu bleiben. Denn der Tod geht um. Bei manchen Völkern glaubt man daran, dag die Toten in die Bilder einziehen oder dag Bilder von Todesbringern bevölkert werden.

Perlen bedeuten Tränen, weil sie den Tränen so ähnlich sehen,
Der Speichel galt von jeher als Gegenzauber. Auch das »Toi, toi, toi! « gehört hierher. Es gilt als die Lautnachahmung des Spuckens. Wer etwa schon vom Unheil betroffen ist, kann es damit wieder ausstoßen. Im Allgäu soll es Bäuerinnen geben, die aus diesem Grund auf alles spucken, was sie weggeben, auch auf ihr Obst, das sie auf den Markt bringen. Selbst Briefe, die Erfolg bringen sollen, werden vor ihrem Absenden bespuckt.
Das Kaffeesatzorakel wird noch oft von sogenannten »sachverständigen« Frauen ausgeübt und zum Geschäft gemacht. Wenn der Kaffee ausgetrunken ist, wird die Tasse mit dem Kaffeesatz langsam gedreht und für einige Minuten umgekehrt, damit sich Formen bilden können. In den so entstandenen Gebilden werden Zeichen und Figuren gesehen und zur Deutung der Zukunft verwendet. In den Balkanländern und im Orient eignet sich der türkische Kaffee wegen seiner großen Reste besonders für diese Prozedur. Das Kaffeeorakel ist in diesen Ländern sehr beliebt. Das suggestive Moment spielt dabei die Hauptrolle.
So glauben die suchenden und irrenden Menschen einen Blick in ihre Zukunft tun zu können und ihr Dasein durch Wahrsagerei magisch abzusichern.

Der Volksaberglaube

Schauen wir uns zur Verdeutlichung die Volksmeinungen in und um Worms aus dem 18. Jahrhundert an, die zumindest noch 1916 lebendig waren, als G. Lehnert in den »Hessischen Blättern für Volkskunde« darüber berichtet hat. Auf Befragen stellten wir fest, daß von diesen Gebräuchen noch heute in weiten Schichten der Bevölkerung manches weiterwirkt. Kurz gefaßt, ergibt sich folgende Übersicht:

1. Wenn das Feuer mit Prasseln auflodert, so bedeutet das Streit.
2. Wenn Salz verschüttet wird, ebenfalls.
3. Wenn gelbe Flecken an den Fingern entstehen, desgleichen. Sind die Flecken so groß, dag man sie mit einem Finger nicht bedecken kann, so wird der Streit groß, im anderen Falle ist er nicht von Belang.
4. Wenn das linke Ohr gellt, so wird übel von einem gesprochen, gellt aber das rechte Ohr, so ist das Gespräch gut und angenehm.
5. Aus dem Hause, wo sich eine Wöchnerin befindet, darf kein Feuer, kein Salz und Brot abgegeben werden, damit sie nicht behext werde.
6. Wer den Nagel einer Egge, der auf der Straße gefunden wird, bei sich trägt, der kennt alle Hexen.
7. Die rote Milch einer verhexten Kuh muß kochend mit Ruten gepeitscht werden, dann wird die Hexe durch Schmerzen gezwungen, sich zu melden und die Kuh zu heilen,
8. Wer sein Wasser lägt und nicht dabei dreimal ausspeit und gegen Hexereien schändet, der wird behext, wenn eine Hexe am Urin vorbeikommt.
9. Wer ungewaschen aus dem Hause geht, steht in Gefahr, behext zu werden.
10. Wenn in der Walpurgisnacht mit geweihten Glocken geläutet wird, so können die Hexen, die auf den Kreuzstraßen in Gegenwart des Teufels ihre Tänze halten, nicht schaden.
11. Beim Sterben eines Menschen müssen die Fenster geöffnet werden, damit die Seele hinausfliegen kann.
12. Wenn bei der Beerdigung eines Toten der Sarg beim Verschließen einen hohl dumpfen Ton von sich gibt, stirbt bald jemand aus der Familie.
13. Wenn es unter dem Totengeläute schlägt, so stirbt bald jemand aus der Gemeinde.
14. Wenn die Kinder der Wöchnerinnen nicht zu gewissen Zeiten gesegnet werden, können sie mit Wechselbälgen vertauscht werden.
15. Wer ungesunde oder mit Wasser gemischte Milch verkauft, dessen Vieh wird behext.
16. Wenn man von Läusen, von Eiern, von gelbem Obst, von großem Gewässer und von Blumen träumt, so bedeutet es Unglück.
17. Wer im Traume Fische fängt, hat Hader und Streit zu erwarten. Sind die Fische faul, so schlägt der Streit bös aus, sind sie aber frisch, günstig.
18. Wer traurige Dinge träumt, der hat einen fröhlichen Tag, wer aber das Gegenteil träumt, der hat einen schlimmen Tag zu erwarten.
19. Wenn man träumt, daß jemand gestorben sei, dem bedeutet es ein langes Leben.
20. Ein großes Feuer, eine grüne Wiese und grünes Obst im Trau¬me vorgestellt, bedeutet Glück.
21. Wenn Pferde von Hexen geritten und Kühe gemolken werden, so braucht man Streichmittel.
22. Wer Warzen hat, der läute einen Toten zum Grabe, dann wasche er sicl t am fließenden Wasser, und sie werden von selbst abfallen.
23. Wer große Ängste hat, der berühre einen Toten an der großen Zehe, und er wird auf immer von Ängsten befreit sein.
24. Wer unheilbare Geschwüre an sich hat, der wische sich mit der Hand eines Toten dreimal darüber her, dann heilt das Geschwür.
25. Wenn jemand Tränen über einen Toten fallen läßt, dann kann der Tote nicht ruhen. Ein klägliches Gewimmer über einen schon lange begrabenen Toten stört denselben in seiner Ruhe.
26. Die Toten müssen mit den Gesichtern gegen Morgen gekehrt werden, sonst werden sie von den Winsel immer in Schrecken gesetzt, die von Abend her schwärmen.
27. Kämme, Rasiermesser, Waschtücher, die bei einem Toten gebraucht werden, müssen in den Sarg gelegt und mit dem Toten verscharrt werden.
28. Wenn eine schwangere Frau ein Kind aus der Taufe hebt, so muß entweder das ihrige oder das aus der Taufe gehobene Kind sterben.
29. Wenn ein Laib Brot auf die braune Seite gelegt wird, so können Hexen in das Haus.
30. Wenn eine Henne mit gelben Füßen über einen Gelbsüchtigen fliegt, so wird er unheilbar.
31. Um unter Eheleuten Trennung zu stiften, wird ein Hakschloß zugedrückt, wenn sie vom Priester zusammengegeben werden.
32. Wer ein weichgesottenes Ei ißt und die Schalen nicht zusammendrückt, der ist den nachteiligen Folgen der Hexerei ausgesetzt.
33. Wenn dem Verstorbenen ein Kleidungsstück vor den Mund kommt, so muß jemand aus der Familie sterben.
34. Wenn ein Kind gelobt wird, so glaubt man, es sei beschrien. Um aber das Beschreien zu verhindern, wird es auf die Kirchweihe geladen.
35. Wenn ein Toter im Hause ist, so muß man an alle Weinfässer anklopfen, damit der Wein nicht absteht.
36. Wenn zwei Leute ehelich zusammengegeben werden, so sieht man auf die brennenden Lichter. Derjenige muß zuerst sterben, dessen Licht am schwächsten brennt.
37. Eine Wöchnerin darf vor sechs Wochen an keinen Brunnen gehen, sonst wachsen rote Würmer in demselben.
38. Wenn dreizehn Personen an einer Tafel speisen, so muß einer davon sterben.
39. Die Wirbelwinde auf den Straßen sind Wirkungen der Hexen. Wer ein Messer mit drei Kreuzen hineinwirft, der erkennt die Hexe, die diesen Wirbel verursacht hat.
40. Stößt ein Maulwurf in einem Hause oder zirpt eine Grille oder Heuschrecke, so muß jemand im Hause sterben.
41. Kräht eine Henne, so stirbt jemand in der Familie, schreit ein Käuzchen auf dem Hause, ebenfalls.
42. Wenn jemand bei Regenwetter stiehlt und der Fußstapfen wird herausgeschnitten und in den Schornstein gehängt, so welkt der Dieb nach und nach wie sein Fugstapfen im Schornstein.
43. Wenn zwei Kinder, die noch nicht reden können, einander küssen, so muß eines davon sterben.
44. Um bei der Nacht alle Anfälle von Hexereien von sich abzuwenden, muß man beim Schlafengehen die Schuhe wechseln.
45. Kein ausgekämmtes Haar darf auf die Straße geworfen werden, wenn man vor Hexereien sicher sein will.

Die schwarze Katze.

Bestimmte Menschen und Tiere, die unseren Weg kreuzen, wurden schon immer mit Glück und Unglück in Beziehung gebracht Die Katze ist neben dem Kanarienvogel und Hund das beliebteste Haustier. In der ägyptischen und fernöstlichen Mythologie fungiert sie als Orakel und gilt als heiliges Tier. Viele Götter wie Osiris und Ra werden mit Katzenkopf dargestellt. Germanen und Slawen sahen in der Katze einen Unglücksboten. Das gilt besonders für Rußland, wo man der Katze dämonische Eigenschaften zuschreibt. In vielen alten Prozeßakten, wie sie etwa noch im Stadtarchiv von Lemgo aufbewahrt werden, wird sie die Begleiterin der Hexen und des Teufels genannt. Im späten Mittelalter wurden Katzen daher oft auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Denn hundertjährige Hexen, meinte man, verwandeln sich in Katzen und neunjährige Katzen in Hexen. Der schleichende Gang, die funkelnden Augen und ihr elektrisch geladenes Fell verleihen der Katze etwas Unheimlicnes. Der Volksmund spricht von der falschen Katze, und in der Schweiz heißt es: »Die schwarze Katz, das schwarze Huhn soll kein Bauer aus dem Hause tun.« Putzt sie sich unter dem Fenster eines Kranken, muß dieser sterben. Miaut sie vor einem Haus, bedeutet es Unglück. Wenn ein Mann seine Frau betrügt, hat die Frau ihre Katze schlecht behandelt. Läuft die Katze mit einem krummen Buckel herum, ist Besuch zu erwarten. Dreifarbige Katzen sollen das Haus am ehesten vor Unglück und Feuer schützen. Vielfach besteht die Meinung, dag das Töten von Katzen Unglück bringe. Nur beim Bau eines Hauses durften sie in vergangenen Zeiten als Opfertier getötet und im Johannisfeuer verbrannt werden.
Bräuche dieser Art wurden aus dem Harz und dem Teufelsmoor noch zu Beginn unseres Jahrhunderts berichtet.

Der Katzenaberglaube ist noch heute so groß, dag viele Menschen, denen morgens eine schwarze Katze über den Weg läuft, umkehren oder sich bekreuzigen. Von einem berühmten Sänger aus London wird erzählt, er sei beim Verlassen des Hauses umgekehrt, nachdem eine schwarze Katze seinen Weg gekreuzt hatte, und habe sein Konzert abgesagt.
Von einem Landarzt aus Oberschlesien heißt es, daß er bei seinen Krankenbesuchen stets ein Gewehr bei sich trug. Er schoß auf alle schwarzen Katzen, die ihm unterwegs begegneten, um das Böse aus der Umgebung seiner Patienten zu verbannen.

Neujahrsaberglaube
Bei den vielen Neujahrsbräuchen spielt das Blei seit dem frühen Mittelalter eine große Rolle. Es wurde auch als Mittel zur Hexenerkennung verwendet. Das Bleigießen ist heute zu Neujahr eine beliebte Belustigung. In den Geschäften werden allerorten Bleitalismane mit einem Löffel zum Einschmelzen verkauft. Das geschmolzene Blei wird in ein Gefäß mit kaltem Wasser geschüttet. Aus den Formen der zersplitterten Bleiteile wird die Zukunft gedeutet.

Viele Menschen befragen in der Silvesternacht das Hutorakel. Unter neun Hüten werden verschiedene Gegenstände versteckt. Wenn die Uhr zwölf schlägt und das neue Jahr ankündigt, darf der Fragende einen Hut wählen. Wenn er darunter einen Ring findet, wird er im kommenden Jahr heiraten. Findet er eine Puppe, wird er Kinder bekommen. Eine Tasche deutet auf Reisen, ein Kamm auf Glück, ein Stück Kohle kündet Unheil an, eine Schüssel Häuslichkeit und ein Messer Streit. Ein Gebetbuch ist das Symbol für Zufriedenheit und ein Knopf für Geld.

Das heiratslustige Mädchen wirft in der Silvesternacht vor dem Zubettgehen ihren Schuh über ihre nackte Schulter. Wenn die Spitze des Schuhes der Tür zugekehrt ist, wird das Mädchen im kommenden Jahr heiraten.

In manchen Landesteilen geht das Mädchen in der Silvesternacht vor dem Schlafengehen durch den Hühnerstall. Wenn der Hahn sich bei ihrem Eintreten als erster bewegt, bekommt sie im folgenden Jahr einen Mann. Wenn es die Hennen sind, muß sie mit dem Heiraten noch warten.



































Die Kristallkugel
Eine besondere Form der Wahrsagerei ist das Kristallsehen. Seit dreitausend Jahren wird es in Indien, China, Japan und den Südseeinseln ausgeübt. Dabei werden nicht nur Kristallkugeln verwendet, sondern auch Spiegel, polierte Hölzer, Fingernägel und blanke Wasserflächen. Bei uns spielte es im Mittelalter eine große Rolle und ist auch heute noch ein sehr einträgliches Gewerbe. Katharina von Medici (1519 -1589) war eine Anhängerin dieser Wahrsagekunst. Der 1527 in London geborene John Dee galt darin als großer Meister. Graf Cagliostro (1743 - 1795) bediente sich in seiner »Ägyptischen Loge« unschuldiger Knaben und Mädchen zur Kristallschau. Er ließ sie eine mit klarem Wasser gefüllte Kristallflasche oder auch ihre mit Öl eingeriebenen Hände anstarren, um bunte, magische Visionen zu erzeugen. Vor Jahren zog ein vielgefeierter Zauberer mit seiner hübschen Assistentin Miß Moi Yo Miller aus Melbourne durch die europäischen Varietes. Die Assistentin hielt auf der Bühne eine Kristallkugel in ihren Händen und weissagte daraus mit verblüffender Überzeugung.

Heute bedienen sich die Zauberkünstler zum Kristallsehen fast nur noch richtiger Kristalle. Durch die Lichtreflexe des Kristalls und durch die starke Vertiefung in sein Inneres treten bei Menschen, die zur Bilderschau veranlagt sind (Eidetiker), Bildvorstellungen auf, die bis zu Visionen gesteigert werden können. Beim Spiegelsehen und Wassersehen vollzieht sich der Vorgang ähnlich. Das Kristallsehen ist wiederholt von der psychologischen Wissenschaft untersucht worden, und es gibt darüber zahlreiche Publikationen. Sie gleichen sich in der Annahme, daß es sich um Nachbilder der Wirklichkeit oder um Erinnerungen handelt, die durch das Fixieren des Kristalls aus dem Unbewußten gelöst werden. Auf diese Weise können innere Bilder und Ideen zu Objekten der Anschauung werden. Es wird aber auch nicht bestritten, daß solche Visionen auf telepathischem Wege übertragen werden können. Denn durch die Fixierung erfolgt bei sensiblen Menschen eine Art Trancezustand, der Inneres nach außen kehrt und offen macht für Gedankenübertragungen. Diesen Aspekt der Kristallschau wollen wir aber der Parapsychologie überlassen und hier lediglich auf den abergläubischen Mißbrauch hinweisen, der in den meisten Fällen zutreffen dürfte.











Traumorakel
Träume sind Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung und für das Leben des Menschen ebenso wichtig wie sein gesundes Tagesdasein. Sie sind aber auch Inbegriff eines weitverbreiteten Orakelaberglaubens. Und nur um ihn geht es hier.

Der Mensch träumt, damit die Nacht das am Tage strapazierte Gleichgewicht zwischen inneren und äußeren Kräften wiederherstellt. Er muß mit vielem fertig werden, was er verdrängt oder nicht verarbeitet hat. Es wird in seinem persönlichen Unbewußten gespeichert und wartet auf Bewältigung. Unsere Träume nehmen sich dieser am Tage nicht zum Zuge gekommenen Reize und Erlebnisse an und kleiden sie in die symbolischen Traumbilder des Fliegens, des Alpdrucks oder der Verfolgung. Das Traumleben wird somit zum Spiegelbild unseres ganzen Daseins, unserer Person, zu der neben dem Tag auch die Nachtseite gehört. Der Mensch lebt nicht allein. Er wird in eine Mitwelt hineingeboren, die ihn von Kindheit an formt und mit der er mit zunehmendem Selbstbewugtsein fertig werden muß. Und sie ist nicht immer freundlich und bejahend, sondern auch feindlich und trostlos. Sie spielt in den Träumen die größte Rolle. So kommen die vielen Schattierungen und Stufungen der Wunsch-¬und Furchtträume zustande. Sie werden durch das Erbe unserer Väter und Ahnen, das wir alle in uns, in unserem kollektiven Unbewußten tragen, weiter kompliziert. Wir leiden, hoffen und arbeiten weiter an den Erfahrungen der gesamten Menschheit, und wenn es nur in den verborgenen Schächten der Seele geschieht.
Und schließlich ist zu bedenken, daß der Mensch nicht von dieser Welt ist. Er kennt weder das Woher noch das Wohin. Aber er ahnt aus der Selbstgewißheit seines Erlebens und Glaubens, daß es ein Vorher gab und ein Nachher geben wird. Sonst wären Geburt und Tod nicht da und das Dasein gegenstandslos. Erst durch diese Aktualität des Ewigen bekommt es seinen Sinn. Das Ahnen dieses Ursprungs befähigt den Menschen zu Wahrträumen und zu Traumbildern mit Offenbarungsgehalt.
Träume sind verschlüsselt, sind Chiffren unseres Innenlebens. Nur der Kundige kann sie lösen. Früher wurden sie von Priestern gedeutet. Heute übernimmt der Seelenarzt im Bedarfsfall diese Aufgabe. Dem Uneingeweihten fällt es schwer, damit etwas anzufangen. Deshalb sagt der Volksmund, Träume sind Schäume.
Den Menschen trieb schon immer die Neugierde zur Enträtselung des Unbekannten, besonders dann wenn er vom abergläubischen Drang nach Beeinflussung seines Schicksals geleitet wurde. Dem kam der Traumdeuter auf den Jahrmärkten entgegen. Ohne zureichende Kenntnis sagte er gegen Bezahlung die Zukunft voraus. Oft machte er die Deutung von der Höhe des Honorars abhängig.

Mit dieser Zunft der Traumdeuter kamen Traumlexika in Gebrauch, die als sogenannte Volkstraumbücher noch heute verbreitet werden. Wir kennen sie etwa als das »Große arabische Traumbuch«, das »Goldene ägyptische Traumbuch« oder auch als das »Echte Zigeuner Traumbuch«. Danach bedeutet ein schönes Kleid tragen, in behagliche Verhältnisse kommen; ein Kloster sehen, Ruhe und Frieden; Kohlen sehen, Reichtum und Glück; Krähen fliegen sehen, einen nahen Tod usw.
Solche Deutungen arten meistens zum abergläubischen Gesellschaftsspiel aus, das sich der eigenen Traumbilder zur Unterhaltung bedient.

Gewiß gibt es Traumsymbole. Sie wurden von zahlreichen psychologischen Schulen erforscht. Aber sie werden zu Wahrsagezwecken mißbraucht. Jedes Traumdeuten ist von großen Schwierigkeiten begleitet, die nur ein Seelenarzt und Therapeut meistern kann. Es hängt auch von der weltanschaulichen Haltung des Deutenden ab. Eine Beschäftigung damit setzt ein zureichendes Wissen um die Beziehungen zwischen Körper, Geist, Seele, Gemeinschaft und Erbe voraus. Es kann nie durch Leichtgläubigkeit und Simplifizierung ersetzt werden. Einer unserer führenden Religionsforscher bemerkte zu Recht, es sei kein besonderes Zeichen würdiger Haltung, wenn ein Mensch um jeden Preis das Geheimnisvolle, Besondere und Außerordentliche sucht. Traumdeuten als therapeutischer Weg zur Selbsterkenntnis kann nur bejaht werden. Als Wahrsageorakel ist es vom Übel.

Die Wünschelrute zeigte Moses die Wasserstelle
Bekanntlich wird das Wünschelrutengehen heutzutage vielfach als Beruf ausgeübt. Der Rutengänger wird engagiert, um eine Wasserader oder Bodenschätze aufzuspüren. Die Rute, meist ein gegabelter Zweig vom Haselnußstrauch, schlägt über der gesuchten Stelle mit der Spitze nach unten aus. Neben manchen Mißerfolgen haben die Rutengänger nach eigenen Angaben auch viele Erfolge zu verzeichnen. Die Theorien über das Funktionieren der Rute sind noch widersprüchlich, die häufigste Erklärung besteht in der Annahme, daß gewisse Strahlen aufgefangen werden. Skeptische Stimmen gegen die Wünschelrute fehlen nicht, aber unbestreitbar war sie in vielen Fällen hilfreich. Die Wissenschaft vermochte dieses Phänomen noch nicht zu enträtseln. Den Bedürfnissen der Zeit entsprechend, setzt man häufig den Rutengänger als Helfer für Industrie und Bauwesen ein. Sind solche Auftraggeber abergläubisch?

Die Rute soll schon Moses in der Wüste auf das Wasser aufmerksam gemacht haben, und die Überlieferung weist sie in vielen Kulturen des Altertums, darunter auch in China, nach. Ende des 15. Jahrhunderts widmete man ihr in Deutschland ein Buch, in dem sie als göttlich gepriesen wurde. Ihr geheimnisvolles Wirken bewegte die Jahrhunderte und nährte den Aberglauben. So glaubte man im 18. Jahrhundert mit ihrer Hilfe alles erfahren und finden zu können, was der Mensch nicht enträtseln konnte. Sie identifizierte angeblich den Dieb, verriet geheimnisvolle Schätze, fand verirrte Kinder und wußte sogar, ob ein Planet bewohnt sei oder nicht. Es bedarf wohl keines Kommentars, daß solche Annahmen reiner Unsinn sind und daß davon echtes Rutengängertum als Versuch zur Entdeckung einer möglichen Kausalität zwischen Mensch, Erde und Wasser unterschieden werden muß.

Weiß das Pendel die letzten Dinge?
Der erste überlieferte Versuch mit dem siderischen Pendel stammt aus dem alten Rom. Zur Zeit des Kaisers Valens (364 - 378 n. Chr.) waren einige Höflinge neugierig, wer wohl sein Nachfolger werden würde. Sie nahmen einen an einem Bande hängenden Ring und ließen ihn über einem Kübel schwingen, an dessen Rand das Alphabet eingraviert war. Als Ergebnis erhielten sie den Namen THEO. Dieser Versuch wurde bekannt und die Höflinge wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Die geschworenen Pendler werden sagen, das Pendel hatte recht, aber es ist doch wohl eher als eine Kuriosität der Weltgeschichte zu betrachten, daß ausgerechnet der Gote Theodosius Nachfolger des Kaisers wurde. Anderthalb Jahrtausende vergingen, ehe das Pendel im 18. Jahrhundert wieder erwähnt wurde. In Goethes »Wahlverwandtschaften« pendeln Charlotte und Ottilie. Auch das 19. Jahrhundert weiß von einigen Pendlern zu berichten, darunter einem Mann namens Ritter, der ein Pendel aus Schwefelkies verwendete. Aufsehen erregte 1913 das Buch von Friedrich Kallenberg über »Offenbarungen des siderischen Pendels«, in dem er dem Pendel jene Bedeutung zuschrieb, die ihm bis heute nachgesagt wird. Seiner Meinung nach gab es Auskunft über alle erfahrenswerten Dinge, gleich, ob man es über Fotografien, Handschriften oder Gebrauchsgegenständen schwingen ließ. Kallenberg glaubte, daß er eine revolutionäre Entdeckung gemacht habe und mit Hilfe des Pendels auch die Letzten Dinge zu entschleiern seien. So verraten angeblich Kreiskurven das männliche Geschlecht, Ellipsen dagegen das weibliche. Auch der Gesundheitszustand und das Temperament der dem Versuch zugrunde liegenden Person bleiben dem Pendel nicht verborgen.

Abbe Mermet findet Wasser in 10 000 km Entfernung
Das Funktionieren des Pendels bringt man in Zusammenhang mit sogenannten Erdstrahlen oder auch Todesstrahlen und mit den Ausstrahlungen bestimmter Personen. Das gilt auch für das Rutengehen, aber das Pendeln ist weitaus bequemer. Kann man es doch auch in sitzendem Zustande und auf weite Entfernung ausführen. Die Pendler und Rutler haben sich gegenwärtig sogar in einem eingetragenen Verein zusammengeschlossen und geben eine Zeitschrift für Radiaesthesie heraus. Daß gewisse Einflüsse von Mensch zu Mensch ausgeben, die man als Strahlungen bezeichnen kann, gilt als erwiesen. ob solche Strahlungen aber auch auf organische Stoffe übergehen können, bleibt noch ein großes Frage¬zeichen. Die Pendler jedenfalls behaupten, daß Fingernägel, Haare, ja selbst Fotografien dieselben Strahlen aussenden wie ihr Besitzer und vom Pendel empfangen werden. Auch das Pendeln über Landkarten soll genügen, um Bodenschätze ausfindig zu machen. Manche Pendler haben wirklich die Aura der Glaubwürdigkeit um sich geschaffen. Berühmt wurde der Abbe Mermet aus der Schweiz, der nicht nur an Ort und Stelle mit seinem Pendel Wasser und Bodenschätze fand, sondern auch betonte, daß seine Pendelkunst bis zu 10.000 km Entfernung Quellen ausfindig machen und sogar verlorene Goldstücke zum Vorschein bringen könne. Die von den Rutlern und Pendlern vorausgesetzten Erdstrahlen oder Reizstreifen sind bisher nicht wissenschaftlich entdeckt worden. Man behauptet, daß Tiere diese Erdstrahlenzonen meiden. Denn die Wirkung der Strahlen soll schädlich sein und Krankheiten verursachen, darunter Tuberkulose, Rheuma, Gemütskrankheiten und sogar den Krebs. Sterben in einem Haus mehrere Personen an Krebs, so soll es sich um ein »Krebshaus« handeln, das über den diese Krankheit verursachenden Strahlen gebaut wurde.

Die hellsehende Kraft des Pendels über Fotografien, Haaren, Fingernägeln führt man auf die sogenannten Od Strahlen zurück, die dem menschlichen Körper, ähnlich dem Heiligenschein, entströmen sollen und auch allen Dingen zugeschrieben werden, die mit dem Körper in irgendeiner Beziehung stehen oder gestanden haben. Auf dieser abergläubischen Grundlage meint man nun alles Lebendige und Tote, auch Vergangenes und Zukünftiges, mit Hilfe des Pendels enträtseln zu können. Die britische Admiralität soll während des Zweiten Weltkriegs, als die Seeschlacht um England ihren Höhepunkt erreicht hatte, einen Pendler zur Ermittlung feindlicher Schiffe erfolgreich beschäftigt haben.

Zehn Mark für einmal pendeln
Abgesehen von vielen ernsthaften Bemühungen um das Geheimnis des Pendelausschlags, haben die Gefilde des Aberglaubens hier einen willkommenen Zuwachs gewonnen. Groß ist die Zahl derer, die kritiklos aus der Pendelei über das bloße Gesellschaftsspiel hinaus ein einbringendes Geschäft gemacht haben.

So berichtet Professor Urbach, daß ein Bekannter sich zu einem Pendler begab, um die Krankheit seiner Mutter feststellen zu lassen. Die alte Dame könne wegen ihrer Gebrechlichkeit nicht selbst kommen. Dem Pendler genügte ein Stückchen Papier, das die Mutter berührt hatte. Als ihm das gebracht wurde, pendelte er darüber mit seinem Metallring und nannte drei Krankheiten, zwei, die bei Altersschwäche stets eintreten, und eine dritte, die nur durch eine Röntgenaufnahme festzustellen war. Für diese Gefälligkeit nahm der Pendler zehn Mark. Ein anderer Fall: Bei dem Pendler erschien ein Mann an Krücken, und der Pendler stellte Gelenkkrankheiten fest. Da warf der Mann die Krücken fort und vollführte ein paar akrobatische Kunststücke. Er war kerngesund. Der Pendler ließ sich nicht verblüffen. Er sagte, bei der vorigen verkrampften Haltung hätten sich Blutstauungen eingestellt, die das Pendel anzeigte.

Um Ausreden beim Versagen des Pendels sind solche Pendler nicht verlegen. Auch der Arzt könne sich irren, sagen sie, nur daß bei seinem Versagen nicht so viel Geschrei gemacht würde. Wenn sich das erpendelte Geschlecht eines ungeborenen Kindes später als falsch herausstellt und statt eines Mädchens ein Knabe geboren wird, heißt es, daß der weibliche Einfluß der Mutter eben so stark gewesen sei. Falls im Beisein von Publikum Fehlaussagen vorkommen, meint der Pendler, die negative Einstellung der Anwesenden sei daran schuld.

Auch hier wieder ist es die Angst vor der Krankheit, die Abergläubische zum Pendler treibt. Viele lassen sich Krankheiten aufschwatzen, die sie überhaupt nicht haben. Noch schlimmer ist es, wenn sie Behandlungsmethoden erpendeln lassen. Daraus ergeben sich, wie bei jedem abergläubischen Vertrauen, Ausweglosigkeit und Not. Die verantwortungslosen Pendler aber nutzen die Angst ihrer Mitmenschen finanziell aus. Leider erfaßt das Gesetz auch in diesem Falle nur einen winzigen Bruchteil der Schuldigen.

Schützt das Entstrahlungsgerät vor Krankheit?
Auch aus dem Glauben an Erdstrahlen läßt sich Kapital schlagen. So kam ein Mann auf die Idee, eine Anzahl billiger Metallringe an seine abergläubischen Kunden für einen ansehnlichen Preis zu verkaufen. Wenn sie am Körper getragen wurden, sollten sie die schädlichen, krankheitsbringenden Erdstrahlen abhalten. Die Vorschrift besagte, daß man die Ringe alle fünf Minuten mit Wasser begießen mußte. Das war den Patienten doch wohl zu lästig, daher ging das vielversprechende Geschäft allmählich ein.
Das bekannteste und allerorten viel verbreitete Mittel gegen Erdstrahlen erfanden geschäftstüchtige Fabrikanten. Sie stellten Entstrahlungsgeräte her. Man braucht diese nur unters Bett zu stellen oder unter die Matratze zu legen, dann schirmen sie den Besitzer vor allen Krankheiten ab. Man schaltet das Entstrahlungsgerät ein und schläft behütet und sorglos.

Wer sich ein solches Gerät nicht leisten kann, soll sich einfach, wie die menschenfreundlichen Erdstrahlenverfechter empfehlen, auf eine Matratze aus Farnkraut legen. Denn dieses hält die Strahlen garantiert ab.

Von den vielen Entstrahlungsgeräten nennt Dr. Paul Bauer die »Schweizer Weber Platte«, die aus zwei Streifen Metallfolien besteht. Spannt man diese unter das Bett, kann man beruhigt einschlafen. Der »Nord-Süd Gleichrichter« soll sogar das ganze Haus vor schädlicher Strahlung bewahren. Man braucht ihn nicht elektrisch anzuschließen, weil er ein eigenes, konstantes Kraftfeld in sich birgt. Man kann ihn für 80 DM erwerben.
Auch Ärzte, die sich ernsthaft mit Strahlenforschung beschäftigen, preisen Entstrahler an. Bauer nennt den Arzt und Medizinalrat Dr. Mannlicher aus Salzburg, der empfiehlt, zwei Spiegel im Abstand von 5 Zentimetern einander gegenüberzustellen. Die Spiegel irritieren die Strahlen und machen sie unschädlich.

Gemeinsam mit einem Diplomphysiker hat Bauer den bekanntesten Apparat gegen Erdstrahlen, den »Phylax«, untersucht. »Der Physiker konnte nur gequält lächeln. Ein paar Drahtspiralen, dazu noch kurzgeschlossen, so daß die äußere Markierung >Aus<   >Ein< gar nichts bezweckte.« Den Wert des Kästchens mit dem Inneren schätzt er auf vielleicht 3,50 DM. Das Gerät aber brachte dem Fabrikanten Dannert, einem überzeugten Rutenmeister, zwischen 80 und 120 DM ein. Die Abschirmung soll 20 Meter im Umkreis betragen. Welch ein Durcheinander von Strahlen muß es ergeben, wenn in mehreren eng nebeneinanderliegenden Häusern dieses Gerät aufgestellt wird! Unserem Hausarzt wurde von einem dankbaren Patienten ein Entstrahlungsgerät geschenkt. Es war eine leere, zugelötete Blechbüchse, die der Arzt unter sein Bett stellen sollte, um Unheil abzuwenden.

Welche Suggestivkraft das Kästchen auf Abergläubische ausübt, geht aus dem frommen Betrug hervor, den ein Ehemann vornahm. Die Frau glaubte fest an die Wirkung des Phylax. Ihr Mann vertauschte den Apparat gegen eine ähnlich aussehende Holzkiste. In dem Glauben, dass es sich um den “Phylax” handelte, schlief die Frau genauso tief und unbesorgt wie vorher. Ohne den Apparat hatte sie stetes über Herzklopfen und Beklemmungen geklagt. Aber auch der Ersatz befreite sie davon.

3. Was ist Aberglaube?

Dieser bunte Streifzug durch die Welt des Aberglaubens will keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Bei einigen Erscheinungsformen haben wir nur kurz Station gemacht, anderen sind wir ausführlicher durch die Geschichte gefolgt, um ihre gefährlichen Auswüchse aufzuzeigen. Die sensationellen, manchmal krassen und unschönen Beispiele sollten dazu dienen, das Bild einer Macht möglichst eindrücklich zu veranschaulichen, die seit den Anfängen die Seele der Menschen ergriffen hat und sie, wie eine Spinne ihr Opfer, im Netz hält. Dieses Netz umspannt auch heute noch die ganze Welt. Es hat feine Maschen, denen kaum jemand entschlüpfen kann, und es läßt sich nur sehr schwer durchschneiden.
Das hat vor allem der Hamburger 
Johann Kruse in seinem Kampf gegen den gefährlichen Hexenaberglauben erlebt. Kruse fand bisher in Deutschland keine wirksame Unterstützung und hat daher sein Lebenswerk mit allen Unterlagen hilfesuchend an die UNESCO geschickt. Nun hofft er auf »Entwicklungshilfe in Einsicht«. Die ernsthaften Sorgen solcher Männer mögen Gleichgültige wenig rühren. Doch ist der Aberglaube, statt abzuklingen, in den Jahren nach dem Kriege unwahrscheinlich angewachsen. Die Selbsttests und Horoskope sind nur ein harmloses Aushängeschild einer oft dämonischen Macht, die sich kriminell, gesundheitsschädigend oder in menschlicher Tragik äußert.
Man soll die Krankheit immer an der Wurzel bekämpfen. Der Aberglaube besitzt die Merkmale einer Neurose, die Mensch um Mensch ergreift. Gerade darum gilt es, die Widerstandskraft im einzelnen zu stärken. Der Verantwortliche kann dem Angefochtenen nur Hilfe geben, wenn er sich zuerst einmal selber über die dem Aberglauben günstige Seelenlage klar wird und von dort aus zu begreifen sucht, worin Aberglaube eigentlich besteht. Doch fragt man sich berechtigterweise, was wohl solche theoretischen Erörterungen nützen könnten? Sie werden nur fruchtbar in der Weitergabe von Bildungsstand zu Bildungsstand, von Staat zu Bürger, vom Seelsorger zum Laien, von Mensch zu Mensch, und zwar in jener Übersetzung, die vom einzelnen verstanden wird. Theorie muß immer mit dem Risiko der Isolierung rechnen, trotzdem liegt in ihr der Grund allen praktischen Wirkens. Darum suchen wir uns getrost zu vergewissern, was Aberglaube, wissenschaftlich betrachtet, eigentlich ist.

Kleine Etymologie
Seit dem 15. Jahrhundert wird in unseren Wörterbüchern das Wort »Aberglaube« verzeichnet. Einige Autoren behaupten sogar, es wäre schon im 12. Jahrhundert nachweisbar. Jedenfalls versuchte man damit den lateinischen Begriff »superstitio« ins Deutsche zu übersetzen. Friedrich Wilhelm Weitershaus weist uns darauf hin, daß die Bezeichnung »aberglaub« 1482 hinter dem Stichwort »superstitio« eines Straßburger lateinischen Wörterbuchs auftaucht. Damals hatte man noch eine ängstliche Scheu vor dem, was über den gewohnten Glauben des Volkes hinausging. Gemeint war eine unrichtige Verehrung der Gottheit, eine Abgötterei.

Martin Luther bevorzugte dann die Bezeichnungen »Mißglaube« und »Afterglaube«. Sie spielen sogar in der Philosophie des strengen Königsberger Denkers Immanuel Kant eine Rolle und leben bis in unsere Tage fort. In Krugs »Enzyklopädisch philosophischem Lexikon« von 1838 heißt es dazu: »Aus dem Begriff des Nachfolgenden oder Hintern, welches dem Vorhergehenden oder Vordern entgegensteht, hat sich dann sehr natürlich der Begriff des Schlechten entwickelt. Und daher kommt es wohl auch, daß After als Substantiv schlechtweg den Hintern (gleichsam das abwärts gekehrte Gegengesicht, das man als etwas Schlechtes oder Unziemliches verbirgt) bedeutet.«
Nach 
Hoffman Krayer umschließt das Wort Aberglaube den Glauben an die Wirkung und Wahrnehmung naturgesetzlich unerklärter Kräfte. Sein Bereich wird scharf von dem der anerkannten Religionssysteme abgegrenzt. Und der bereits zitierteKrug schrieb, die Herleitung des Wortes »Aberglaube« von »superstitio« entspräche auch dem griechischen Wort »deisidaimonia« (Dämonen  oder Götterfurcht).

Über die landschaftliche Herkunft der Bezeichnung »Aberglaube« sind sich die Etymologen nicht einig geworden. Viele Forscher streiten sich noch immer um eine befriedigende Definition und Ableitung. Das Wortelement deckt sich im Mittelhochdeutschen mit »Unklugheit«, im Neuhochdeutschen mit »Abergunst« (Mißgunst), mit »Abername« (Spottname) und mit »Aberwitz«.
Der dänische Forscher 
Alfred Lehmann, Verfasser eines 1925 in 3. Auflage erschienenen umfangreichen Werkes über den Aberglauben, formulierte: »Aberglaube ist jede allgemeine Annahme, die entweder keine Berechtigung in einer bestimmten Religion hat oder im Widerstreit steht mit der wissenschaftlichen Auffassung einer bestimmten Zeit von der Natur.«

Und die Verfasser des Werks 
»Handbuch des deutschen Aberglaubens« vollzogen 1927 die zaghafte Definition: »Aberglaube ist der Glaube an die Wirkung und Wahrnehmung naturgesetzlich unerklärter Kräfte, soweit diese nicht in der Religionslehre selbst begründet sind.«

Viele Begriffe, ja die meisten, werden durch ihre Geschichte erhellt. Beim Begriff »Aberglaube« ist das leider nur bedingt der Fall. Die Etymologie betreibt nur eine Verwandtschafts  und Entwicklungsforschung der Sprachen und Wörter. Was sie zur Erklärung des Aberglaubens in die Hand gibt, ist das »Aber«. Es besagt dem Sinn nach soviel wie »verkehrt«. Die Geschichte des Aberglaubens berichtet über geschehene Fälle, Phänomene, Inhalte. Der Mensch unserer Tage möchte aber darüber hinaus wissen, was Aberglaube an sich ist. Er interessiert sich für den Vorgang, den Akt. Er weiß, daß jede Beurteilung von außen hinkt, da jeder seinen Standpunkt vertritt. Fragen wir also bei der Geschichte des Menschen an, der so sehr seinen Verführungen ausgesetzt ist.

Das Erbe der Urahnen
Der Mensch lebte in einem archaischen, einem magischen und einem mythischen Dasein, wie der Schweizer Kulturforscher 
Jean Gebser in seinem Werk »Ursprung und Gegenwart« so überzeugend dargelegt hat. Der unbewußte Geist der Menschheit mußte allmählich zum Naturerleben, zur Befreiung der Seele und zur Entdeckung des Raumes und der Welt heranreifen. Dem Ahnenerleben wuchs die Fähigkeit des magischen Zaubers und des mythischen Erlebens zu, aus dem schließlich und immer mehr beschleunigt das heutige rationale Bewußtsein wurde. Es ist eine Entwicklung, die nach Gebser weit in die Zukunft zu einer neuen integralen Bewußtseinsstruktur führt, die frei sein wird von Angst und Aberglauben.
Sehen wir uns den noch ganz im magischen Tun verstrickten Vorfahren an. In seinem unbewußt genannten Seelenbereich schlummerte der Dämonen  und Geisterglaube. Die Menschen dieses Daseins pflegten sich durch eine kultische, religionsähnliche Praxis Kräfte und die Zuneigung der Götter zu sichern, um deren Zorn und Neid zu entgehen. Soweit wir dieses vergangene vorhistorische Leben archäologisch und psychologisch rekonstruieren können, zeigt es sich als gebunden an die Mächte der Natur und des Kosmos. Daher hatte alles Tun und Treiben dieser mit Vorliebe heidnisch genannten Vorfahren einen religiösen Bezug. Es war eine Art »religio«, eine Rückbindung an den Ursprung. Ihnen fehlte die einfache Liebe und Bitte zu Gott dem Vater mit dem freien Eingehen in seinen Willen. Sie lebten in Götterfurcht und Götterangst. Diese Wirklichkeit war für sie überwältigend. Es war eine naturmagische Seelenverf assung, die aus den kosmischen Lebenszentren unmittelbar die eigenen Pflichten ablesen konnte, um daraus eine naturhafte Sicherheit des Tuns und Lassens zu gewinnen. Ihr magisches Treiben umfaßte alle Handlungen, die auf eine Beeinflussung der sinnlichen und übersinnlichen Welt gerichtet waren und durch die man eine zwingende Macht auf die Götter ausüben konnte.
Die magischen Praktiken der Beschwörung und Zauberei mußten richtig angewandt werden, um einen wirksamen Götterdienst zu ermöglichen. Die dazu nötigen Geheimnisse und Fähigkeiten waren nicht jedermann zugänglich. Sie wurden stellvertretend durch den Medizinmann, Priester oder Stammesältesten ausgeübt. Der einzelne war Glied einer magisch verbundenen Gemeinschaft. Er war nicht abergläubisch, wenn er mit seinen Genossen vor Aufgang der Sonne eine in den Sand gezeichnete Antilope umtanzte, damit ihm das Jägerglück hold sei. Abergläubisch werden erst wir, die wir jene Furcht und Angst übernommen haben, ohne die alte Naturverbundenheit und Magie als Kraftquelle noch zu besitzen. Sie bot dem primitiv genannten Naturmenschen Schutz und Ordnung. In diesem Sinne gedeutet, kann man es verstehen, wenn die Anthropologie vom abergläubischen Menschen unserer Tage sagt, er lebe zwar unter uns, sein Geist sei aber in der Vorzeit bei den Primitiven geblieben.

Zauberei und Sitte
Der 1955 in Heidelberg verstorbene Forscher
 Willy Hellpach formulierte so treffend, Religion entstehe und bestehe, wo sich eine Vorstellungswelt von magischen Kräften und mythischen Mächten um den Sinn einer sittlichen Ordnung gruppiert. Die Folgen sind dann sittliche Verpflichtungen des Lebens.
Eine Lehre mythischen und magischen Inhalts kann allein niemals Religion sein. Es gibt genug Geheimlehren, Mysterien und Zauberpraktiken, die keine Religion sind. Eine reine Morallehre ohne magische und mythische Elemente vermag ebensowenig die Bezeichnung Religion für sich zu beanspruchen.
In den zauberischen Praktiken wird der Mytheninhalt wirksam und gefestigt. Die Beachtung der magischen Vorschriften führt zum praktischen Einleben in die Unterscheidung von Gut und Böse. Die förderlichen und schädlichen Mächte werden vom Menschen erlebt. In ihm bildet sich ein Verhältnis zum Urguten und zum Urbösen heraus. Hilfsbereitschaft und Schadenfreude, Beistand und Ausbeutung sind Urerfahrungen, die in den Kreis der magischen Verrichtungen einbezogen wurden. So entsteht und geht durch die gesamte Geschichte eine sittliche Verpflichtung. Noch heute flößen uns geweihte oder gesegnete Dinge oder Symbole Ehrfurcht ein. Der einfach empfindende Mensch sieht darin nicht Sinnbilder, sondern durchaus im alten, vorhistorischen Sinne lebendige Wirkungsträger. Das geht bis zur Grußformel im Alltag, die wie auch etwa Gesinnungsgleichheit oder Gesinnungsfremdheit zu dem Urbestand moralischer Bindungen zählt. Wenn wir uns heute unter uns umsehen, stellen wir allerorten übereinstimmend fest, daß unser Tun und Lassen oder, anders ausgedrückt, unser moralisches Verhalten von einer Urtriebgüte und von einer Furcht vor Buße abhängig ist. Diese Akte spielen schon in der Kindererziehung eine große Rolle. Der Rest ist weitgehend mechanische Gewohnheit und eine nur noch unbewußt vorhandene Berechnung, um für das eigene Tun eine günstige Gegenleistung zu empfangen. Stark ist natürlich der Glaube an die übersinnlich wirksamen Kräfte. Als Verbindung zwischen Zauberkräften und bestimmten charakterlichen Bösartigkeiten besteht er heute wie vor Jahrtausenden. Er formt das moralische Verhalten stets mit.

Das magisch mythische Gefühl
Die Vorstellungen von Himmel und Hölle haben das Menschengemüt mehr beeinflußt als die gelebte Wirklichkeit des praktischen Alltags. Auch in unserer Zeit der Aufklärung und der Naturwissenschaften lebt der Mensch sehr stark aus diesem vorhistorischen, imaginären, magisch mythischen Gefühl. Er sehnt sich auch privat in seiner ganz intimen Sphäre nach dem Feierlichen, das er ja schon mit dem Handschlag ausübt. Würde man ihm diesen magisch zeremoniellen Grund des Feierlichen nehmen, müßte er auf Symbole, Auszeichnungen, Anerkennungen verzichten, würde ihm sein Dasein sinnlos erscheinen.
Selbst im alten Recht spiegelt sich diese Wahrheit. Wir finden sie in den Gottesurteilen ebenso wie in der Magie der Flamme. In Bremen haben bis1923 Versteigerungen »bei der Kerze« stattgefunden. Die Brennzeit der Kerze entschied über die Gültigkeit der Zuschläge. Das gleiche galt für die Rechtsgültigkeit von Testamenten, deren Niederschrift mit der Brenndauer einer Kerze zusammenfiel. Eide wurden bei brennender Kerze geleistet. Grenzen von Grundstücken ermittelte man in alten Zeiten durch Kerzenbräuche.

Es gab eine fast unübersehbare Fülle von Bräuchen mit gleicher Funktion. Urkunden legte man, damit sie rechtsgültig wurden, auf die Erde. Das Abschwören eines Schwures, den die rechte Hand geschworen hatte, geschah mit der rückwärts nach unten gestreckten linken Hand. Damit wurde der Eid moralisch ungültig gemacht.

Die Volksmedizin zeigt viele Verknüpfungen zwischen dem Bösen, einer Schuld und der Krankheit. Auf diesen Beziehungen wurde im Mittelalter die Behandlung von Geisteskranken aufgebaut. Böse Gesinnung leistet Zauberei, kann verhexen, krank machen. Der Besitz von bestimmten Zauberkräften erzeugt gute Gesinnung, kann Feen, Schutzgeister und Heinzelmännchen einsetzen. 

Ein Arzt, der mit Magie zu tun hat, muß einen gegenwärtigen Zauber fortzaubern können. Er bewegt sich immer zwischen Gut und Böse im heidnischen Sinne. Unsere erfahrenen Landärzte wissen viel darüber zu berichten. Bestimmte Landstriche Bayerns, des Allgäus und auch Westfalens sollen ganz besonders zu einem solchen vorhistorischen magischen Erleben neigen.

Auch mit dem Geschriebenen, der Schrift, wurde eine besondere Wirksamkeit verbunden. Es kam darauf an, wie, mit welchem Ritus Verträge, Satzungen, Liebesbriefe verfaßt wurden. Vorsichtshalber setzte man noch oben, unten, links und rechts kleine Schutzkreuze, um die Wirksamkeit zu erhöhen.
Ein Forschungsbereich für sich ist das Brauchtum der magischen Gifte. Seit Jahrtausenden wird solchen Drogen reinigende Kraft zugeschrieben. Mit gleichförmiger Übereinstimmung wird durch die Jahrhunderte hindurch berichtet, daß solche magischen Gifte das sittliche Gefühl des Menschen zu heben vermögen. Noch 1911 konnte im amerikanischen Staat Oklahoma auf diesem Glauben die »Peyotl Kirche« gegründet werden, die Tausende in ergebener Gläubigkeit um sich scharte. Die zentralamerikanische Kakteenwurzel Peyotl ergibt das Meskalinrauschmittel. Darüber wird berichtet, daß es den Menschen in eine andere Welt des visionären Erlebens führt und ihm außerdem ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Menschen gibt, die wie er diese Kaktusfrucht verehren. Die mystischen Fähigkeiten in der menschlichen Natur werden angeregt, die Verbindung mit der göttlichen Natur der Dinge wird gegenwärtig.

In den heidnischen Frühkulturen wird die Haltung zu den Mitmenschen durch das Totem, die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Tierahnen, geregelt. Das damit zusammenhängende Ritual ordnet alle Haltungen und Handlungen der Mitmenschen auf der Ebene des Stammes oder Klans. Die Moral ist hier sichtbar magisch vorgeordnet. Das gilt gleichermaßen für alle magischen Völker unserer Gegenwart. Je höher ein Volk und eine Religion steigen, um so mehr verlegen sie das magische Zaubergeschehen in eine jenseitige Sphäre. Am Ende bleibt nur noch der »Eigenzauber der Gottheit«, das Wunder, übrig.

Wo diese Magie gebannt im Dienste eines Höheren steht, kann nicht von Aberglaube gesprochen werden. Wo sie sich aber von der Religion und vom verbindlichen religiösen Hintergrund löst, entfaltet sich ihre Macht zu profaner, gewöhnlicher Wirksamkeit, die das weite Feld abergläubischer Möglichkeiten ergibt.

In dieser Formulierung ist Aberglaube vom Absolutheitsanspruch der herrschenden kirchlichen Lehre  h



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